Zu Gast bei Thomas Gerber in Oswalds Gourmetstube in Kaikenried
Zu Gast bei Thomas Gerber in Oswalds Gourmetstube in Kaikenried
Kaikenried ist nicht der Ort, an dem man beim Vorbeifahren ein Zwei-Sterne-Restaurant vermuten würde. Rund 550 Menschen leben in dem Dorf im Bayerischen Wald, abends ist es still und vor dem Landromantik Hotel Oswald erinnert wenig daran, dass sich im Untergeschoss eines der besten Restaurants Bayerns verbirgt. Oswalds Gourmetstube ist sogar das einzige Restaurant in Niederbayern mit zwei Michelin-Sternen.
Küchenchef Thomas Gerber kocht hier seit 2014. Sein Menü basiert auf klassisch-französischem Handwerk und nimmt auch moderne und asiatische Aromen auf. Genau diese Mischung prägte meinen Abend: ausgezeichnete Produkte, aufwendige Saucen, filigrane Dekorationen und immer wieder kleine spielerische Details. Handwerk und Präsentation waren jedoch durchgehend stark und brachten so manchen Augenschmaus hervor, den man fast nicht essen wollte, um das Kunstwerk nicht zu zerstören. Glücklicherweise entschied ich mich doch dafür und habe so nicht nur von den Eyecatchern, sondern auch von den gelungenen Geschmackserlebnissen profitiert.
Elegante Gourmetstube mit modernem Touch
Das "normale" Restaurant im Oswald zeigt sich traditionsbewusst, hübsch und gemütlich. Wie man eine bayerische Stube eben erwarten würde mit viel warmem Holz und Elementen zum Wohlfühlen.
Steigt man die Treppe herunter zeigt sich das Zwei-Sterne-Restaurant Gourmetstube moderner, reduzierter und stylischer, ohne ihre klassische Eleganz abzulegen. Während oben im Restaurant weiße und goldene Elemente mit Holz kombiniert werden, dominieren in der Gourmetstube elegante schwarz-silberne Farbakzente. Weiße Tischdecken und gedämpftes Licht treffen auf wechselnde Lichtstimmungen. Die sommerliche Abendsonne veränderte dabei immer wieder Farben und Atmosphäre im Restaurant.
Drei Grüße und sehr viel Liebe zum Detail
Schon der erste Gruß war ein optisches Highlight – so filigran angerichtet, dass er nach dem Servieren kurz ins Wanken geriet. Geschmacklich überzeugte er mit Tatar vom Weidewald-Ochsen, Schalotten-Creme und Imperial Kaviar Selektion.
Danach folgten drei weitere Grüße aus der Küche, jeder fein dekoriert und mit eigener Textur. Mein Favorit war ein kleines Tartelette mit Hummer, fruchtigen Gelpunkten und jeder Menge Crunch. Es war präzise, abwechslungsreich und in wenigen Bissen genau das, was auf einen spannenden kulinarischen Abend einstimmt.
Für mich ist auch immer wieder nett anzusehen, wenn Restaurants ihre Auszeichnungen geschickt in die Gerichte einbauen. Das Tartelette war heute zusätzlich mit zwei essbaren Michelin-Sternen dekoriert.
Zum Menü kam später knuspriges, warmes Brot mit Fichtenbutter. Solche vermeintlichen Nebensachen sind in der Gourmetstube keine und verdienen durchaus eine Erwähnung.
Pochierte Auster: kühl, frisch und sommerlich
Die pochierte Auster wurde mit unterschiedlichen Gurkenzubereitungen und Imperial Kaviar in einer Porzellanauster serviert. Schon die Präsentation machte Spaß. Und auch hier wurde das Gericht wieder so detailverliebt verschönert, dass es – wie so viele Speisen an diesem Abend – fast zu schön war, um es zu verspeisen.
Geschmacklich war der Gang kühl, frisch und genau richtig für einen warmen Sommerabend. Die Gurke ließ der Auster genug Raum, während der Kaviar zusätzliche Salzigkeit und Tiefe brachte.
Hier zeigte sich eine Stärke des Menüs besonders deutlich: Thomas Gerber dekoriert nicht um der Dekoration willen. Blüten, Gelpunkte, Formen und Farben gehörten zum Gesamtbild, ohne den Teller in eine reine Ausstellung zu verwandeln.
Bluefin Tuna zwischen Frucht, Sorbet und Kaviar
Als erster von fünf regulären Gängen glänzte der Bluefin Tuna in der Abendsonne, die immer wieder durch die großen Scheiben des Restaurants schien. Von bester Qualität wurde der Tuna durch eine feine Kruste besonders in seiner Textur, die außerdem zu einer sehr gelungenen Geschmackserweiterung führte.
On Top überzeugten mich die Koriander-Chips und die asiatischen Akzente durch ein frisches Shiso-Sorbet. Diese drei Komponenten bildeten einen spannenden Kontrast, den ich ausgesprochen gerne mag: weicher Fisch, leichte Kruste, Frische und Kälte. Der zusätzliche Kaviar war mir in dieser Kombination dagegen etwas zu dominant und stahl dem Thunfisch so ein wenig die Show.
Jakobsmuschel, Wintertrüffel und eine Sauce für den Gourmetlöffel
Bei den Jakobsmuscheln wurden zwei unterschiedliche Seiten des Produkts gezeigt. Eine Muschel war knusprig angebraten, die andere unter einem üppigen Strauß australischen Wintertrüffels fast verborgen. Erstaunlich wie gut eine Winterzutat im Sommer schmecken kann. Aber in Australien ist ja gerade auch Winter.
Dazu kam eine würzige-cremige Sauce mit Madeira – genau die Art von Jus, für die der Gourmetlöffel auf dem Tisch liegt. Die Kombination war reichhaltiger und klassischer als die Gänge zuvor. Nach den kalten, eher leichteren Vorspeisen Auster und Tuna setzten die norwegischen Jakobsmuscheln einen warmen, erdigen Akzent, der sofort einen tiefen Wohlfühlmoment erzeugt und auch gut in eine kältere Jahreszeit passen würde. Gleichzeitig blieb der Teller durch die unterschiedlichen Texturen spannend.
Wilder Steinbutt
Wilder Steinbutt mit confierter Artischocke und Kapern ist nicht nur der nächste Augenschmaus. Mit Limetten-Nussbutter Jus setzt er auch ein spannend-kontrastreiches Menu fort, das in diesem Gang durch tiefe Aromen und fruchtige Nuancen für ein schönes Zusammenspiel auf dem Gaumen sorgt.
Lamm mit Olive, Salzzitrone und Mini-Croissant
Das Lamm war für mich ein sehr gelungener Abschluss der herzhaften Gänge. Die Sauce brachte zusammen mit den Oliven und einer Paprikacreme eine leicht herbe Note ins Spiel. Vor allem die Oliven setzten dabei einen geschmacklichen Schwerpunkt.
Und wie sehr hier Wert auf Details gelegt wird, zeigte einmal mehr dieses winzige, witzige Kartoffelcroissant auf dem Fleisch: warm, knusprig und herzallerliebst anzuschauen. Es fasste den Stil des Abends fast nebenbei zusammen – französische Grundlage, bayerischer Einschlag und eine große Freude an filigraner Handwerkskunst des Küchenteams.
Passionsfrucht und Schokolade zum Finale
Das Dessert mit Passionsfrucht, exotischen Aromen und Schokolade war ein weiterer farbenfroher Eyecatcher. Geschmacklich blieb es für mich hinter den anderen Gängen ein wenig zurück.
Manche Komponenten kickten bei mir nicht ganz so, wie ich es mir bei Passionsfrucht und Kokos gewünscht hätte, da diese eigentlich zu meinen Lieblingszutaten in Desserts gehören. Vielleicht lag es auch an der Kombination aus Frucht und dunkler Schokolade, die kurioserweise ohnehin nicht zu meinen persönlichen Favoriten gehört - und es solche Desserts damit bei mir immer etwas schwerer haben. Zweifellos war die Ausführung aber wieder sichtbar aufwendig; der Teller traf nur meinen persönlichen Geschmack nicht ganz.
Petit Fours
Die kleinen Süßigkeiten am Ende des Abends ließen bei mir dagegen keine Wünsche offen. So vielseitig, so optisch und geschmacklich gelungen, dass ich mir ein besseres Ende für diesen Abend kaum hätte wünschen können.
Das Champagner-Süppchen mit Limetten-Sorbet, Zitronen-Chili-Madelaine, Yuzu-Praline, Kirschgelee und Zitronen-Ingwer-Lollys um nur einige der süßen Verführungen zu nennen, rundeten diesen beeindruckenden Abend so vielseitig, wie perfekt ab.
Detailverliebter Gourmetabend in Oswalds Gourmetstube
Vom ersten filigranen Gruß aus der Küche bis zu den vielseitigen Petit Fours zeigte sich, wie viel Präzision, Kreativität und Freude am Detail in diesem Menü stecken. Thomas Gerber und sein Team verbanden bei meinem Abend in Oswalds Gourmetstube ausgezeichnete Produkte mit klassisch-französischem Handwerk, asiatischen Akzenten und immer wieder überraschenden Geschmackserlebnissen.
Dabei überzeugten nicht nur die großen Hauptdarsteller wie Bluefin Tuna, Jakobsmuschel, Steinbutt und Lamm. Auch vermeintliche Kleinigkeiten wie die Fichtenbutter, das winzige Kartoffelcroissant oder die essbaren Michelin-Sterne machten den Abend besonders. Kein Gang glich dem vorherigen, dennoch fügte sich alles zu einem stimmigen Menü zusammen.
Oswalds Gourmetstube war für mich der kulinarische Höhepunkt meines Aufenthalts im Landromantik Hotel Oswald. Ein ebenso kunstvoller wie genussreicher Abend, der mit seinen ausgezeichneten Saucen, unterschiedlichen Texturen und vielen kleinen Überraschungen bis zum letzten Petit Four in sehr guter Erinnerung bleibt.