Zu Gast im Restaurant Pierburg by Erika Bergheim in Essen
Zu Gast im Restaurant Pierburg by Erika Bergheim in Essen
Vor einigen Jahren ging es für Erika Bergheim vom Schloss auf die Burg. Nach über zwanzig Jahren im altehrwürdigen Schloss Hugenpoet ging es hinauf in die modernisierte Pierburg oberhalb von Kettwig, die seitdem den Zusatz by Erika Bergheim trägt.
Die meisten Gäste kommen zu dem etwas abgelegenen Restaurant mit dem Auto. Wer dagegen mit der Bahn anreist und sich für einen Winterspaziergang zum Restaurant entscheidet, muss sich an eisigen Januartagen den Weg über einen recht steilen Treppenaufstieg und die lange Schmachtenbergstraße verdienen.
Die nicht enden wollende Straße trägt ihren Namen dabei überraschenderweise zurecht.
Erst nach einer guten halben Stunde komme ich hinter einer kleinen Kapelle relativ hungrig, dann aber „Im Sonnenschein“ an. Und das kann man durchaus mehrdeutig verstehen. Denn so heißt zum einen die kleine Straße vor der Pierburg. Dazu färben die letzten Sonnenstrahlen des Tages den Himmel zusätzlich violett-blau. Und auch im Inneren verbreitet sich schnell Wärme: Kulinarisch wie atmosphärisch.
Das Casual Fine Dining- Restaurant ist modern und hochwertig eingerichtet. Ein echter Wohlfühlort mit großem Gastraum und gemütlichen Sitzgelegenheiten für ein Dinner zu zweit oder auch größere Gruppen.
Prickelnde Einstimmung und glänzender erster Gruß
Die Pierburg ist dabei kein Ort für steife Förmlichkeit, sondern ein Platz, an dem man sich sofort fallen lässt. Warme Farbtöne und stimmige Materialien lassen den kalten Winter sofort vergessen. Ein Crémant Rosé im Glas ist eine prickelnde Einstimmung, die schon kurz darauf vom ersten und mindestens genauso gelungenen Gruß aus der Küche gefolgt wird.
Ein schöner erster Eindruck, der nicht nur durch die leicht geräucherte, glänzende Perlzwiebel entsteht. Mit einer erdigen Charlottencreme und eingelegter und ausgebackener, crunchiger Urkarotte plus Kerbelöl kommt hier ein süßlich-würziges Aroma auf den Teller, das mir sehr gefällt und auch danach noch einige Male in ähnlicher Weise große Freude bereiten wird.
Schottischer Label Rouge Lachs
Danach folgt eine der besten Vorspeisen, die ich je hatte:
Schottischer Label Rouge Lachs gebeizt mit Zitrusfrüchten und in Tempura gebacken mit grünem Spargel, Sultaninen-Chutney, Miso und Orangenschaum ist ein solches Geschmacks- und Texturen-Feuerwerk, wie ich es bisher selten erlebt habe.
Bei diesem kulinarischen Kunstwerk trifft süß auf sauer, warm auf kalt und crunchy auf cremig!
Der rohe, fruchtig gebeizte Lachs wird mit kleinen Kaviarperlen ergänzt und zusätzlich warm im Tempura serviert. Darunter befindet sich eine knusprige indische Panipuri-Kugel, die mit einem cremigen Orangen-Schäumchen gefüllt ist und einen fantastischen Kontrast bietet.
Dieses Gericht, das zusätzlich mit grünem Spargel, Sultaninen-Chutney, Miso und einer Buttermilchsauce mit Dillöl serviert wird, ist eine echte Geschmacksexplosion – und führt gleich zu einem dieser Momente, in denen man kurz innehält und denkt: Wie soll das jetzt noch getoppt werden?
Steinbutt, Fichte, weiße Shiro Alge, grüner Apfel und Aquavit
Feiner und leiser geht es danach mit Steinbutt, Fichte, Shiro-Alge, grünem Apfel und Aquavit weiter. Dieses Gericht schlägt etwas ruhigere Töne an. Handwerklich präzise, elegant, aber nach dem opulenten Vorgänger für meinen Geschmack etwas zu zurückhaltend.
Die Akzente von Fichte und Aquavit hätte ich mir deutlich intensiver gewünscht.
Vielleicht wäre der Eindruck bei einer anderen Menu-Folge ein anderer gewesen. So bleibt der Steinbutt als gutes, aber etwas zu sanftes Gericht in Erinnerung.
Omnivores und veganes Menu oder à la Carte
In der Pierburg ist man an keine Menu-Reihenfolge gebunden. Auch hier kann man zwanglos à la Carte bestellen oder sich für eines der beiden E.B.-Menüs entscheiden – oder die omnivore und vegane Variante beliebig kombinieren.
Denn seit ungefähr Anfang 2025 bietet Erika Bergheim auch vollständig vegane Menüs an. Zum einen um der Nachfrage nach vegetarischen, veganen oder auch Laktose freien Speisen gerecht zu werden. Zum anderen hat sie die spannenden Möglichkeiten von Fisch- und Fleischfreien Geschmackserlebnissen erkannt – und diese gekonnt auf den Tellern umgesetzt.
Limonenseitling
Wenn immer möglich, versuche ich deshalb auch immer mindestens ein Gericht aus einem veganen Menu zu probieren. Und meine Wahl für den Limonenseitling hat mich darin wieder einmal mehr als bestätigt.
Der mir bis heute unbekannte Limonenseitling wird hier als spektakuläres Pilzragout mit einer Dashi, Fenchel, Bergamotte und schwarzem Tee serviert.
Frische Kräuter, die auf Dashi-Schaum mit einer erdigen Creme zusammen mit den Pilzen zu einer perfekten Konsistenz verschmelzen. Muss ich noch erwähnen, dass auch Teller und Deko farblich perfekt auf dieses Gericht abgestimmt sind?
Und als raffiniertes Extra verstecken sich knusprige Reiskörner in diesem warmen Soulfood für kalte Tage.
Nicht nur im Magen, auch ums Herz wird es mir in diesem Augenblick warm.
Ein Hauch Schärfe, der sich erst nach und nach entfaltet perfektioniert dieses Gericht. Hier stimmt einmal mehr einfach alles. Die Balance, die Tiefe, dieser feine Limonenakzent, der deutlich präsent ist, ohne je zu dominant zu werden. Ein weiteres Highlight des Abends. Und daher ein gut gemeinter Tipp: Bitte unbedingt einen veganen Gang probieren.
Klassik mit Haltung
Dass Erika Bergheim seit Jahrzehnten zu den prägenden Köchinnen des Landes gehört, schmeckt man in jedem Moment. Über jahrzehntelange Raffinesse, hochwertige Produkte und modern und einfallsreich interpretierte Gerichte, kann man sich auch in der Pierburg freuen.
Kalbsbries
Es folgt ein weiterer Gaumenschmaus:
Das Kalbsbries ist ein Gedicht: unglaublich zart und sogar knusprig on top.
Erdige Nuancen, dazu eine Sauce mit echtem Volumen. Die Trüffel präzise dosiert und nicht zu süße Birne als kluger Kontrast. Würzig, ausgewogen mit Tiefe.
Zunge und Gaumen befinden sich schon wieder im großen Glück.
Der Rotwein hilft beim Loslassen. Ich lehne mich zurück und finde es ein bisschen schade, dass es im oberen Stock nicht auch noch ein Hotel gibt. Immerhin reift mit jedem Schluck die Erkenntnis, dass für den Rückweg ein Taxi die bessere Alternative zum Bahnhof ist.
Finale mit Weihnachtscomeback
Rosa Hirschrücken aus dem Leinebergland bringt noch einmal Weihnachtliche Erinnerungen im Januar auf den Teller.
Schlehenjus (gern ein bisschen mehr), „gezupfter“ Rosenkohl, süßliche Maronencreme, feine Fruchtakzente von Berberitzenkernen und knuspriger Parmaschinken sorgen für einen stimmigen Abschluss. (Ohne dass der Schinken die anderen Zutaten überlagert.).
Auf die gestopfte Leber verzichte, wie üblich. Und hier würde ich mich auch (wie schon an anderer Stelle erlebt) über eine vegetarische oder vegane Foie- oder Happy-Foie-Gras-Alternative sehr freuen.
Qual der Wahl beim Dessert
Bei den Desserts „kämpfe“ ich mit der Qual der Wahl und entscheide mich (nach ein wenig Ringen mit mir und der Info, dass es hier keine Petit Fours zum Abschluss gibt) für eine eigentlich recht simple Lösung: Ich bestelle einfach Zwei! Pre- und Haupt-Dessert sind in solchen Restaurants schließlich nicht unüblich, hier aber leider standardmäßig nicht vorgesehen. Auch ein „Cleanser“ zwischen den Gängen gibt es hier nicht.
Also wähle ich zuerst das fruchtige Mandarinen-Sorbet mit Sesamkrokant, japanischem Sanshopfeffer und Gin Boho. Eine schöne Erfrischung zum Schluss mit interessanten Akzenten (durch Sesam und Pfeffer), jedoch etwas herber als erwartet.
Vanille-Eisparfait
Auch aus diesem Grund konnte ich der süßen Verführung aus Vanille-Eisparfait mit Ganache von Original Beans „Piura“ mit Pecannüssen und Fruchtnuancen von Ananas und Yuzu nicht widerstehen. Ein gebührender Abschied, der diesen Abend voller kulinarischer Attraktionen gebührend abrundete.
Fazit:
Casual Fine Dining, wie man es sich wünscht.
Was bleibt, ist dieses Gefühl von Stimmigkeit und kulinarischer Wohlfühlatmosphäre. Ein Restaurant, das am Samstagabend bis auf den letzten Platz ausgebucht ist, ist der Lohn.
Beeindruckt hat mich auch Erika Bergheim persönlich. Sie kümmert sich auch nach Jahrzehnten noch selbst und zwar sehr präzise um ihre Speisen und Gäste, wo andere Spitzenköche nur noch ihren Namenszug an der Front stehen haben.
Besondere Zutaten, Saucen und unterschiedlichste Texturen – alles greift in der Pierburg ineinander. Klassik trifft Moderne, Bodenständigkeit auf Exotik. Dazu ein professioneller Service. Alle Speisen sind handwerklich und optisch beeindruckend mit sehr viel Liebe fürs Detail zubereitet. Ein Restaurant, das nicht elitär sein will, sondern einladend.
À la carte ist möglich, individuelle Anpassungen ebenso. Und seit Anfang 2025 auch vollständig vegane Menüs – eine großartige Entwicklung.
In wärmeren Jahreszeiten lockt eine Außenterrasse und am Wochenende gibt es nachmittags schon Kaffee und Kuchen.
Die À la carte Preise? Überraschend moderat für das, was geboten wird. Casual Fine Dining, das ein breites Publikum mitnimmt, ohne sich zu verbiegen.
Einfach gesagt: Die Speisen und Zutaten sind nicht nur kreativ interpretiert, sondern einfach richtig lecker.
Und genau deshalb möchte man wiederkommen. Am liebsten sofort.
Text und Fotos © Nils Hohnwald
DÜSCOVER DÜSSELDORF:
Instagram: @duescover_duesseldorf“
SPICY TRAVEL BLOG