Im Restaurant dario& in Aachen
Im Restaurant dario& in Aachen
Das dario& ist eines dieser Restaurants, bei denen das Nachbearbeiten der Fotos zuhause plötzlich erstaunlich schwerfällt. Nicht weil es harte Arbeit wäre – sondern weil einem beim Anschauen der Bilder sofort wieder das Wasser im Mund zusammenläuft und man eigentlich direkt zurück möchte.
Dabei waren meine Erwartungen an diesen Abend zunächst gar nicht so extrem hoch. Vielleicht auch, weil Aachen im Bereich Fine Dining bisher überraschend dünn besetzt ist.
Und das ist vor allem für eine Stadt mit so viel internationaler Strahlkraft zwischen Karlspreis, Kaiserdom und Dreiländereck sehr erstaunlich.
Während sich spannende Gastro-Hotspots in der Umgebung in Düsseldorf, Köln oder Essen aneinanderreihen, ist Aachen bis auf wenige Ausnahmen tatsächlich sogar ziemlich verwaist wenn es um kulinarische Höchstleistungen geht.
Für Food-Abenteuer muss man so entweder Richtung Eifel, Ruhr und Rheinland fahren – oder über die Grenze nach Holland oder Belgien.
Selbst das kleine, 40km entfernte Dorf Erkelenz ist mit dem Sternerestaurant Troyka fast gleichwertig aufgestellt wie die gesamte Kaiserstadt Aachen.
Da wird es also höchste Zeit mal einen Abstecher in die westlichste deutsche Großstadt zu machen, um dort vielleicht sogar einen kleinen Geheimtipp im Dreiländereck aufzuspüren.
Das Restaurant
Der Name „dario&“ lässt recht viel Raum zur Interpretation. Und irgendwie passt genau das auch zu Lage und Konzept.
Französische Küche trifft hier auf asiatische Einflüsse, Casual Fine Dining auf lässige Atmosphäre, Wohlfühlküche auf moderne Präsentation & und und...
Dabei erwartet die Gäste eine Küche, die nicht übertrieben experimentell, aber sehr überzeugend ist. Mit feinen unerwarteten Nuancen werden hier bei mehr oder weniger bekannten Gerichten überraschend und pointiert neue und herausragende Geschmackserlebnisse auf die Teller gebracht.
Aachen statt Antwerpen
Wer aktuell wegen Kerosin- oder Spritpreisen lieber auf weite Trips Richtung Belgien, Frankreich oder Flugreisen verzichten möchte, findet in Aachen eine ziemlich interessante Alternative, die günstiger erreichbar ist und kulturell wie kulinarisch beeindruckt.
Eine kleine Gourmet-Reise kann mit einem Besuch der alten, prächtigen Kaiserstadt, internationalem Flair im Dreiländereck und entspannter Straßencafé-Atmosphäre in Aachen bestens kombiniert werden.
Die Lage
Das Restaurant selbst liegt dabei nicht im klassischen Bilderbuch-Aachen zwischen historischen Fassaden am berühmten Aachener Dom mit kaiserlicher Kulisse.
Die Promenadenstraße ist genauso wenig Aachens kaiserlicher Pracht-Boulevard.
Circa 10 bis 15 Gehminuten entfernt von Dom und Elisenbrunnen findet man das dario& in einem recht internationalen Viertel mit einem Mix aus Handyshops, arabischen Feinkostläden, Synagoge, Studentenbar und Ur-Deutschen Kneipen.
Der arabische Feinkostläden Kabul Bazar mit iranisch-afghanischen Spezialitäten befindet sich nahezu direkt neben der jüdischen Gemeinde am Synagogenplatz. Und was zunächst vielleicht ungewöhnlich wirkt, macht den Reiz dieser Gegend am Ende sogar noch größer.
Und – das als letzte kleine Randnotiz – ich wünschte mir, dieses friedliche Nebeneinander auf engstem Raum wäre auch in anderen Teilen der Welt zurzeit so gut möglich, wie in dieser kleinen Straße in Aachen. Das rheinische Motto „Leben und leben lassen“ funktioniert hier glücklicherweise noch erstaunlich gut.
Interior und Exterior
Im Restaurant empfängt einen eine fast abgeschottete Ruhe. Kommt man aus einem grell sonnigen Frühlingsnachmittag hinein, wirkt das Restaurant zunächst etwas dunkel.
Nach kurzer Zeit gewöhnen sich meine Augen aber schnell an das gedimmte Licht und das stylische Interior mit offenem Beton, entspannter Musik – und auch die große Scheibe hinter der Bar mit Blick in die Küche gefällt mir sehr gut. Neben den Köchen entdeckt man auch witzige Graffiti-Figuren hinter der Scheibe beim Blick in die Küche. Besonders markant: der riesige Oktopus, der als Mural über den Gästen zu schweben scheint.
Auch draußen kann man in der warmen Jahreszeit Platz nehmen. Dort bekommt man das lebhafte Viertel noch etwas intensiver mit. Ich selbst würde aber jederzeit wieder den Platz hinten an der Bar bevorzugen – deutlich ruhiger und mit Blick in die Küche.
Service und Sommelier
Das kleine Service- und Sommelier-Team begleitet aufmerksam, sehr freundlich, gut informiert und angenehm unaufdringlich durch den Abend. Und dann geht es endlich los mit den ersten Speisen.
Amuse
Schon der Einstieg macht schnell klar, wohin die Reise geht. Die Amuse spielen sofort mit Texturen: knusprig, cremig, warm, kalt. Hübsch serviert und dekoriert auf Muscheln und Steinen. Ein Hörnchen, ein Bitterballen mit Kapuzinerkresse, dazu überraschend intensive Aromen. Auch die Nähe zu den Niederlanden blitzte beim Bitterballen bereits charmant durch. Jedoch entgegen der üblichen holländischen Füllungen hier mit sous-vide gegarten Schweinebäckchen.
Signature Aperitif und roter Faden
Dazu passte hervorragend der saisonale Signature-Aperitif mit Rhabarber mit reduzierter Säure und leichter Süße – dadurch weicher im Geschmack und angenehm rund im Mund.
Besonders stark zog sich anschließend ein roter Faden durch das gesamte Menü: das Spiel aus Farben, Texturen und Kontrasten. Hell und dunkel. Frisch und cremig. Leicht sauer-fruchtige und süßliche Wohlfühlküche. Gelb, grün, violett und warme Orangetöne auf perfekt abgestimmten Tellern.
Sashimi vom Amberjack
Das Sashimi vom Amberjack wirkte frühlingshaft leicht. Dashi, Rettich, Austernblatt und Schnittlauch sorgten für Frische, ein Gurkeneis zusätzlich für einen kühlen Einstieg mit etwas Säure und spannenden Texturen. Optisch sowieso ein kleines Kunstwerk zwischen violetten Blüten, grünen Kräutern und Farbtupfern, sowie den rosafarbenen Scheiben vom Fisch.
Beeftatar vom Rinderfilet
Mit einem deutlich kräftigeren Auftritt folgte kurz danach das Beeftatar vom Rinderfilet mit schwarzem Knoblauch, Trüffel und Herbsttrompeten, die im letzten Oktober eingelegt wurden und nun im Frühling mit den anderen Zutaten ihre volle Wirkung entfalteten.
Tiefe Umami-Aromen, würzige Dashi-Noten und diese angenehme Soulfood-Wärme, die sich langsam aufbaut und für ein paar Momente des Glücks bleibt.
Einer dieser Gänge, die gleichzeitig intensiv und unglaublich befriedigend wirken.
Steinbutt
Beim Steinbutt trifft weißer Spargel auf Yuzu und Miso – eine Kombination aus einem des beliebtesten deutschen saisonalen Gemüses und japanischen Einflüssen, die wunderbar aufeinander abgestimmt sind. Gerade die Yuzu setzte diesen perfekten säuerlich-zitrischen Kontrast zur Milde des Spargels und der cremigen Sauce.
Und auch fürs Auge wird hier durchgehend außergewöhnlich viel geboten. Ein Eyecatcher folgt hier auf den nächsten.
Zweierlei von der Wachtel
Das Zweierlei von der Wachtel mit Topinambur, Morchel und IPA-Jus gehörte für mich nicht nur zu den optischen Highlights. Hier trifft eine cremige Erdigkeit auf dunkle Tiefe und unglaublich zartes Fleisch.
Sicher einer meiner persönlichen Lieblingsgänge des Abends. Wenn es bei allen sieben Gängen nicht so schwer wäre, einen Favoriten festzulegen. Denn hier reiht sich heute Abend ein Highlight ans nächste.
Seezunge statt St. Pierre
Auch wenn anstelle des im Menu angekündigten St. Pierre heute Seezunge auf den Teller kam, hatte es diese besondere Geschmackkombination in sich: Dem extrem leckeren Karottenpüree wurden auf so geschickte Weise Safran, Bitterorange und Kumquat beigemischt, dass dieser Kontrast ein perfekt ausbalanciertes Gericht mit neuen Nuancen ergab.
Die sommerlich-süßen Orangentöne der Karotte gepaart mit sehr dezenter Bitterkeit und fruchtiger Frische aus Kumquat und Bitterorange, erneut mit diesem perfekten Gleichgewicht aus Süße, Säure und Wärme, haben bei mir heute vielleicht den größten positiven Überraschungsmoment beschert.
Musik und Ambiente
Selbst die Musik ist auf den Abend abgestimmt und verlängerte diese angenehme Wohlfühlphase immer weiter.
Sorbet-Intermezzo
Ein kleines Sorbet-Intermezzo brachte zweierlei Sorten Sorbet: Grüner Tee „badete“ bei mir in (alkoholfreiem) Gin und ist die richtige Wahl, wenn man sich auf neue Geschmackserlebnisse einlassen möchte.
Mango-Passionsfrucht ist die sichere Variante, wenn man sich einfach nur dem Genuss hingeben möchte. Dazu hat dieses Pärchen eine erstaunliche Cremigkeit für ein Sorbet und ist zusätzlich intensiv im Geschmack.
Lammkarree
Wenn man nach sechs Gängen gedacht hat, man hätte hier schon alles geschmeckt und gesehen, setzen Dario & Team nochmal einen drauf:
Beim abschließenden Hauptgang Lammkarree zeigte die Küche dann endgültig, wie präzise hier gearbeitet wird. Unglaublich zart, fast schmelzend weich, begleitet von grünem Spargel, Bärlauch, Erbse und Shiitake.
Die Jus duftete bereits beim Servieren so intensiv, dass man eigentlich da bereits wusste, dass das nur gut werden kann.
Das Fleisch hat mich in dieser Geschmackskombination und (um es noch einmal deutlich zu sagen) in seiner außergewöhnlicher Zartheit noch einmal zusätzlich beeindruckt.
Bemerkenswert sind übrigens auch die Portionsgrößen. Für ein Restaurant dieser Kategorie fällt hier alles angenehm großzügig aus. Man verlässt das Restaurant so nicht nur außergewöhnlich glücklich, sondern tatsächlich auch satt. (Aber auch ohne „überladen“ zu sein…)
Desserts
Zum Abschluss stehen bei den „Ausklängen“ sowohl süße als auch herzhafte Optionen zur Wahl. Man kann sich zwischen einer herzhafteren Variante mit Rohmilchkäse, Traube, Walnuss, Zwiebel und Senf und einer süßen Variante entscheiden. Meine Wahl fiel dabei wie üblich auf die Süße – auf eine Kombination aus Erdbeere, weißer Schokolade und Buchweizen.
Und genau dieses Dessert fasste den Abend eigentlich perfekt zusammen.
Bekannte saisonale Erdbeeren – aber eben nicht in der erwartbaren Kombination mit Vanille. Stattdessen bringt der Buchweizen spannende Röstaromen und neue Texturen hinein. Und erst bei diesem Dessert fällt mir zum ersten Mal so richtig auf, dass der Buchweizen aus der Familie der Knöterichgewächse kommt und so auch deutlich schmeckbare Nuancen von Knöterich freigibt. Und genau sie verpassen diesem eigentlich bekannten Dessert die besondere Note und verwandeln es von einem Beliebigen in ein Besonderes.
Für mich die bedeutend interessantere Frühlingsvariante im Vergleich zum „Original“ (anstelle von Erdbeeren auf Vanille-Eis).
Überhaupt gelingt dem Menü und damit dem Koch all das hervorragend:
Relativ bekannte Produkte so zu kombinieren, dass sie plötzlich wieder neu und besonders wirken. Yuzu zum Spargel. Kumquat und Bitterorange zur Karotte. Buchweizen zur Erdbeere. Nicht zu experimentell mit übermütigen Kombinationen bei denen man erstmal einen Atlas oder Wörterbuch benötigt – oder sie im schlimmsten Fall sogar dankend ablehnt.
Ganz im Gegenteil: Bekanntes einfach sehr klug mit besonderen Nuancen ergänzt und so zu etwas Besonderem komponiert.
Petit Fours
Die Petit Fours beenden das Menu schließlich wieder so knusprig wie der Abend begonnen hatte. Diesmal mit süßen Akzenten. Hörnchen, Schokolade, knusprige Elemente und ein Madeleine mit fruchtiger Note für den perfekten Abschluss.
Dazu Norah Jones im Hintergrund mit „Come Away With Me“ und das Menu trägt einen im besten Sinne geschmacklich davon.
Zum Schluss gibt es noch einen kurzen, sympathischen Chat mit Küchenchef Dario Breuer. Nach Stationen in London – unter anderem im renommierten Dinner by Heston Blumenthal – ging es während der Corona-Zeit zurück in die Heimat. Zwischenzeitlich musste er in der Krise sogar auf dem Aachener Wochenmarkt improvisieren. Umso beeindruckender, was nach dieser Situation nun hier entstanden ist.
Am Ende ist mir dann auch recht klar geworden wofür dario& tatsächlich steht.
In meinem Fall waren es dario& kulinarische Finesse
dario& große Geschmackserlebnisse
dario& optischer Hochgenuss und
dario& ein rundum gelungener Wohlfühlabend.
Einfach einer dieser Abende, an denen man sich irgendwann glücklich zurücklehnt & nichts hinzufügen möchte...
Text und Fotos © Nils Hohnwald
DÜSCOVER DÜSSELDORF:
Instagram: @duescover_duesseldorf“
SPICY TRAVEL BLOG