Gut gebrüllt, Löwe!
Gut gebrüllt, Löwe!
Es ist einer dieser kühlen Herbstabende mit frischer Landluft, an denen man merkt, dass die Tage kürzer werden und der Winter naht.
Um kurz vor 18 Uhr ist es bereits stockdunkel und die kleine, mit Laub gesäumte Straße am Rand von Niederkassel-Uckendorf weist nur unscheinbar darauf hin, was sich hinter den Mauern des Clostermanns Hof verbirgt. Allein die warmen Lichtkegel hinter den Fenstern und ein Blick in die Küche aus dem Innenhof verraten: Hier wird wieder gekocht – und zwar mit Leidenschaft. Also nichts wie herein in die warme Stube.
Wo früher das „Le Gourmet“ beheimatet war, empfängt nun das LEU seine Gäste.
Neuer Name, neues Konzept, neue Energie. Ein mutiger Neustart in Niederkassel – fast genau in der Mitte zwischen den Metropolen Köln und Bonn.
Alles neu im LEU: Vom „Le Gourmet“ zum Löwen – Mit Mut zur Veränderung
Der traditionsreiche Clostermanns Hof hat sich entschieden, seine Fine-Dining-Geschichte neu zu schreiben. Sechs Jahre in Folge durfte sich das bisherige Restaurant (seit 2019) mit einem Michelin-Stern schmücken. Nach dem Verlust des Sterns (2025) wurde umgebaut, renoviert und vor allem neu gedacht.
Der Name „Le Gourmet“ klang den Verantwortlichen irgendwann zu steif, zu sehr nach weißen Tischdecken und Menüfolgen im Flüsterton.
„LEU“, das althochdeutsche Wort für Löwe, soll nun für Stärke, Mut und Leidenschaft stehen – Qualitäten, die Küchenchef Thomas Gilles und sein Team sichtlich leben.
Ein erster Eindruck: Stilvoll, herzlich, motiviert
Bereits beim Eintreten fällt auf, dass hier jetzt alles etwas lässiger und ziemlich stylish ist.
Im Eingangsbereich grüßt ein pink-violett angestrahltes Gemälde mit einem „angriffslustigen“ Löwen.
Ob das schon ein Zeichen an die Kritiker ist?
Im Gastraum überzeugen dunkelblaue Farbtöne, warme orange Lichtakzente und glänzende Menükarten – das Ambiente wirkt modern und elegant zugleich. Für Restaurants wie dieses dürfte der Begriff elegante Cozyness erfunden worden sein. Und im Rheinland würde man dazu wohl einfach nur „Jemötlich“ sagen.
Ich werde herzlich begrüßt; Service und Sommelier strahlen Engagement und Begeisterung aus, die in einem frisch eröffneten Restaurant selten so echt wirken. Auch Küchenchef Thomas Gilles, der in den letzten Jahren mit präziser Handwerkskunst und einem Faible für internationale Aromen von sich reden machte, kommt mehrfach selbst an den Tisch, um seine Ideen und Gerichte zu servieren und zu erläutern.
Man spürt: Das hier ist nicht nur ein Neustart, sondern ein Aufbruch mit Lust und Herz.
Vier Gänge, die eigentlich Sieben sind
Auf der Menu-Karte wird seit der Neueröffnung offiziell ein Vier-Gänge-Menü angeboten – tatsächlich erwarten mich sieben „Stationen“ mit kulinarischer Finesse von Anfang bis Ende. Internationale Aromen werden mit heimatlich-herbstlich inspirierten Gerichten kombiniert und beim großen Finale mit Desserts und „Naschwerk“ für mich zum Höhepunkt gebracht.
Preislich liegt das Menü bei rund 110 Euro, was angesichts des gebotenen Niveaus, der handwerklichen Qualität und auch der Vielfalt sehr fair wirkt. Auch ein Glas Champagner erhält man in den ersten Wochen als Aperitif schon für 10 Euro.
Zu allen Gängen (die nicht schon vegetarisch sind) werden vegetarische Varianten angeboten. Vegane Alternativen gibt es dagegen nicht.
Die Weinkarte ist groß und verlockend – dazu später unten mehr.
Nur eine (immer populärer werdende) alkoholfreie Begleitung wird (von mir) noch vermisst.
Gerade bei einer Neuausrichtung und an einem Ort, den viele wohl nur per Auto erreichen können, wäre sie eine charmante und sinnvolle Ergänzung. Und bei der Klasse der Küche, könnte ich mir hier sogar einige Eigenkompositionen vorstellen, die die Gerichte mit alkoholfreien Alternativen bereichern würden.
Ein Auftakt mit Seele, Sellerie, Cashews und krossem Krapfen
Schon die ersten Bissen machen klar, wohin die Reise geht.
Ein knusprig-würziger Macaron mit Sellerie und Staudensellerie, Haselnuss und Liebstöckel überrascht mit erdiger Tiefe, leichter Süße und sehr markanten Geschmacksnuancen.
Dazu ein Glas gerösteter Cashews mit rotem Langpfeffer und Meersalz, die auch nach dem Apero ein sympathischer Begleiter über den Rest des Abends bleiben, wenn man sich die Zeit zwischen den einzelnen Gängen mit einem Knabber-Snack vertreiben möchte.
Das kulinarische Herz erwärmt zusätzlich der krosse Krapfen mit Taleggio, Kirsche und fermentiertem, grünen Pfeffer. Ein weiterer Snack, ein wohltuendes Löffelgericht mit gelber Erbse, Rosenkohl, Hefe und Kapern wärmt an kühlen Herbsttagen.
Brot mit fermentierter Knoblauchcreme
Es folgt ein selbstgemachtes Fladenbrot mit außergewöhnlichem Dip: hausgebacken, warm, knusprig und flankiert von einer schwarzen fermentierten Knoblauchcreme, die mich spontan schwärmen lässt. Diese dunkle Knoblauch-Creme allein könnte ein Signature-Dish sein – würzig, tief und ein bisschen süchtig machend.
Fjord-Forelle
Danach wird leicht gebeizte Fjord-Forelle mit einem kleinen Salat von Petersilienwurzel, geschmortem Apfel, Aal, Tofu und Röstzwiebel on top mit einem Röstzwiebel-Sud mit Zwiebel-Öl und Röstzwiebel-Mayonnaise serviert.
Ein spannender Mix, der feinsten Fisch mit regionalen Einflüssen kombiniert und bei dem vor allem der würzige Röstzwiebel-Sud in guter Erinnerung bleibt.
Der Aal geht im Salat leider etwas unter. Und auch der geschmorte Apfel verliert für meinen Geschmack ein bisschen zu viel seiner frisch-fruchtigen Säure, die grundsätzlich ein schönes "Gegengewicht" zu den beiden fetten Fischen gebildet hätte.
„Leicht“ ist hier auch nur die Forelle gebeizt. Die weiteren Zutaten klingen nicht nur ziemlich schwer und fast schon deftig. Sie waren es auch.
Besonders mit der Röstzwiebel-Mayonnaise wurde es hier leider etwas zu gut gemeint. An dieser Stelle hätte ich wohl eine etwas weniger schwere Zutat (wie z.B. eine Crème fraîche o.ä.) bevorzugt.
Feilt man hier an Nuancen, wäre es auch für mich ein sehr gutes, wie passendes Gericht.
Spitzkohl-Salsa, Ente und das Spiel mit den Jahreszeiten
Ähnlich regional und zur Jahreszeit passend geht es mit Spitzkohl weiter.
Überraschend und sehr gelungen ist der Zutatenmix dieses Gangs: Kennt man Spitzkohl zurzeit in Fine Dining Restaurants doch eher als fermentierten, koreanischen Kimchi – oder würde man ihn in dieser Region und vielleicht auch hier (v.a. nach der Forelle) in einer deftigen Speck-Sahne-Sauce erwarten. Dagegen überrascht Küchenchef Gilles mit einer lauwarmen, mexikanisch anmutenden Spitzkohl-Salsa mit Fenchel, Avocado, Paprika und knusprigen Brotchips.
Eine interessante Interpretation, die mit zartem und zeitgleich knackigem Spitzkohl sowie leichter Schärfe und einer samtigen Olivenöl-Beurre Blanc eine frische und zeitgleich wärmende Geschmackskombination entfaltet.
Zweierlei Ente
Als Hauptgang folgt zweierlei Ente kombiniert mit Kürbis, Mispel, eingelegten Pom Pom Blanc (Affenkopfpilz), der mit gebratenem Kürbis kombiniert ist.
Die Entenbrust ist rosa gegart und farblich wie geschmacklich ist es das reine Herbstvergnügen mit raffinierten Extras.
Daneben wartet im Glas ein gold-gelbes Ragout aus gezupfter Entenkeule mit Kartoffelschaum sowie Kürbis und knackigem, gebackenem Reismehl darauf verspeist zu werden. Am besten mit dem Löffel, den man von oben nach unten eintaucht, um alle Geschmacksnuancen und Zutaten auf einmal in den Mund zu befördern.
Ein Primitivo, der mich zum Weintrinker machen könnte
Zum absoluten Soulfood wird es im Duo mit dem richtigen Rotwein.
Dazu entscheide ich mich für einen 2021er Papale Primitivo di Manduria vom Weingut Varvaglione, der im Menu eigentlich zur vegetarischen Variante (Zucchiniblüte) vorgeschlagen wird.
Sonnenverwöhnt, süffig, fast lieblich beeindruckt er mich nachhaltig. Einfach ein großartiger Tropfen, der mich glatt zum Weinliebhaber werden lassen könnte…
Pre-Dessert
Während die bisherigen Speisen sehr „solide“ daher kamen und geschmacklich überzeugten, fehlte mir bisher noch ein wenig die eine oder andere „richtige Geschmacksexplosion“.
Sellerie-Macaron, Cashews, krosser Krapfen und v.a. schwarze Knoblauch-Creme waren an diesen kulinarischen Glücksgefühlen schon sehr nah dran. Die beiden Desserts erfüllten meine hoffnungsfrohen Erwartungen auf Spektakel im Mund an diesem Abend dann auch noch vollends.
Das Pre-Dessert sei „ein Wagnis“, beginnt Thomas Gilles seine Erläuterungen diesmal fast schon etwas entschuldigend bevor er die aufregenden Zutaten beschreibt. Dabei gibt es hierbei wirklich nichts, wofür man sich entschuldigen müsste:
Umeboshi (im Deutschen auch Salzpflaumen genannt, sind in Salz und roten Shiso-Blättern eingelegte Ume-Früchte aus Japan) werden als Sud mit salzigem Rührkuchen auf dem Boden und Steinpilz-Rahm-Eis on top serviert. Das Ganze ergibt mit Jivara Vollmilchschokolade von Valrhona und frischer Pflaume ein solch mutiges Geschmackserlebnis. Und solche nicht alltäglichen Konstrukte sind genau der Grund, warum ich diese Art von Restaurants am liebsten besuche.
Das erdige Steinpilz-Rahm-Eis mit den tiefroten Pflaumen und salzigen Elementen ist nicht nur außergewöhnliches, geschmackliches Highlight, sondern dazu auch noch handwerklich sehr hübsch dekoriert.
Das Finale: Ein Dessert, das in bester Erinnerung bleibt
Getoppt wird es geschmacklich und optisch nur noch durch das „Haupt-Dessert“ mit Topinambur, das mit so facettenreichen Texturen und Zutaten gestaltet wurde und mindestens genauso schön anzusehen ist.
Ein runder, weicher Parfait-Kern mit harter Schale, die man mit ein bisschen Kraft aufknacken muss, bildet die Basis. In mehreren Schichten folgt von unten nach oben ein Ahorn-Butterkeks, darüber gebackene Topinambur (auch als Jerusalem-Artischocke bekannt). Danach erkennt man kleine Kringel mit hübsch garnierten violetten Blüten sowie einige farbige Fruchttupfer von Quitte und Buddhas Hand, die zusätzlich noch mit Quitten-Sud und brauner Butter verfeinert wurden.
Das Parfait ist dazu noch gefüllt mit ein wenig Quitten-Chutney und einem Parfum von Buddhas Hand.
Und als wäre das nicht alles schon schön genug, vervollständigt eine Jerusalem-Artischocke als Rahm-Eis dieses Gesamtkunstwerk, das sich im Mund zu angekündigter Geschmacksexplosion entwickelt.
Alle Geschmacksrichtungen und Nuancen aus süß, salzig, fruchtig, leicht herb, cremig, erdig und buttrig sorgen auf dem Gaumen für ein perfekt ausbalanciertes heiß-kaltes Feuerwerk, das seinesgleichen sucht.
Dessert und Dessertwein lassen mich nur so dahinschmelzen und ich ertappe mich selbst dabei, laut „grandios“ zu sagen. Der Service hört es im Vorbeigehen zufällig und trägt es mit einem Lächeln und seiner rheinischen Art direkt weiter und ruft in die Küche: „Grandios, hat er gesagt!“
Dieses Kompliment richte ich kurz darauf selbst noch einmal Pâtissier und Sous Chef André Siebertz aus. Und erinnere mich auch jetzt beim Schreiben noch einmal sehr gerne an eins der besten Desserts zurück, das ich je hatte.
Käse und Naschwerk
Wer dann noch nicht genug hat, kann sich als fünften einen Käse-Gang genehmigen.
Oder den Käse-Gang anstelle des Desserts wählen. Man kann sich vorstellen, dass ich von Letzterem dringend abraten würde.
Die Petits Fours kommen heute nur als Solo-Künstler in der Einzahl. Und das kleine, hier als „Naschwerk“ bezeichnete Feingebäck kann auch optisch nicht mehr ganz mit den beiden Vorgängern mithalten. Das ist aber auch nicht schlimm. Denn Aussehen ist bekanntlich nicht alles. Und der kleine Abschiedsgruß mit Kardamom und Miso beweist noch einmal Größe im Geschmack und sollte daher auch nicht unerwähnt bleiben, da er für einen wunderbaren und würdigen Abschluss eines sehr gelungenen kulinarischen Ausflugs nach Niederkassel gesorgt hat.
Fazit: Löwenkraft mit Herz
Das neue LEU ist ein gemütliches und ziemlich stylisches Restaurant geworden, das sich angriffslustig, wie das Bild des Löwen im Eingangsbereich, zeigt und dabei genauso persönliche Wärme ausstrahlt.
Hier wird präzise gekocht, ohne Effekthascherei. Und wenn die Speisen dann doch als Eyecatcher auf den Tisch kommen, stehen sie dem Aussehen auch im Geschmack in nichts nach.
Alles ist handwerklich stark, saisonal durchdacht, mutig in den Akzenten und dabei erstaunlich herzlich.
Natürlich gibt es (heute am ersten regulären Abend nach der Eröffnung) noch kleine Reibungspunkte – bei mir gab es etwas zu lange Pausen zwischen zwei Gängen. Die Zutaten bei der Forelle hätte ich mir etwas ausbalancierter gewünscht. Und mir fehlte noch eine alkoholfreie Begleitung.
Aber die Energie, das Engagement und Hingabe des Teams sind spür- und bei den Speisen erkennbar.
Schon am ersten Dienstag nach der Wiedereröffnung war das Haus ausgebucht – und das ziemlich sicher nicht nur wegen des Eröffnungsangebots.
Zwischen Köln und Bonn ist mit dem LEU in Niederkassel ein Ort entstanden, der Fine Dining weniger steif und weiter nahbar macht: modern, gemütlich, ein bisschen rheinisch und mit internationaler und qualitativ sehr hochwertiger Handschrift.
Wenn Leidenschaft tatsächlich ansteckend ist, dann hat man hier gute Chancen, sich zu infizieren.
Mein Fazit nach einem langen Abend: Gut gebrüllt, Löwe – und bitte weiter so.
Text und Fotos © Nils Hohnwald
DÜSCOVER DÜSSELDORF:
Instagram: @duescover_duesseldorf“
SPICY TRAVEL BLOG