Ein Berlin Food Special
Ein Berlin Food Special
Berlin hat kulinarisch durchaus mehr zu bieten als die Restaurants, über die ohnehin jeder spricht. Spannend wird es auch dort, wo gutes Handwerk, eigenständige Gastgeber und ungewöhnliche Konzepte zusammenkommen. Eine Sauerteigbäckerei, die tatsächlich in ihren Läden bäckt. Ein Käsehändler mit besten Verbindungen in die Spitzengastronomie. Königsberger Marzipan aus einer beinahe anderen Zeit. Dazu zwei sehr unterschiedliche Wein- und Restaurantkonzepte, große Berliner Unterhaltung und schließlich ein historisches Offizierskasino in Spandau, in dem heute gegessen, gefeiert und übernachtet wird. Acht Berliner Adressen, die man sich merken sollte.
Domberger Brot-Werk: Sauerteig statt Backshop
Wer gutes Brot sucht, sollte hinter dem Savignyplatz in die Uhlandstraße abbiegen. Dort hat Domberger Brot-Werk im Sommer 2024 seine zweite richtige Ladenbäckerei eröffnet. Und „Bäckerei“ ist wörtlich gemeint: Vom Mehl bis zum fertigen Laib wird vor Ort produziert und gebacken. Sauerteig bildet die Grundlage, Roggen und Dinkel spielen eine wichtige Rolle. Dazu kommen je nach Tag Focaccia und süßes Gebäck; selbst die Schokoladenschnecke wird mit Sauerteig hergestellt. Die Focaccia war ursprünglich sogar eine Spezialität des Standortes an der Uhlandstraße, bevor sie auch nach Moabit kam. Das Spannende an Domberger ist die Konsequenz. Keine romantische Handwerkskulisse vor einer zentralen Produktionsstätte, sondern tatsächlich arbeitende Backstuben. Wer den neuen deutschen Brotboom spannend findet, sollte Domberger auf dem Zettel haben – gerade weil der Name außerhalb Berlins noch nicht den beinahe kultischen Klang mancher prominenter Handwerksbäcker erreicht hat.
Blomeyer’s Käse: Ein Käseladen mit Verbindung zur Sterneküche
Ein paar Schritte weiter wird es richtig interessant. Blomeyer’s Käse in der Pestalozzistraße ist Fachgeschäft und zugleich eine Adresse, die eng mit der Berliner Restaurantszene verbunden ist. Fritz Blomeyer baute das Geschäft ursprünglich stark über die Belieferung der Gastronomie auf. Das Rutz gehörte nach Aussage seines Nachfolgers zu den frühen Kunden und wird bis heute beliefert. Rund 15 Restaurants stehen derzeit auf der Kundenliste. Inzwischen hat Blomeyer das Geschäft abgegeben. Sein Nachfolger Daniel Meyer kommt bemerkenswerterweise aus der Weinwelt: Winzerlehre, Studium in Geisenheim, Stationen im Weinhandel. Seit 2023 arbeitete er mit Fritz Blomeyer zusammen, 2025 übernahm er das Geschäft. Und plötzlich wird aus einem Käseladen auch ein Beobachtungsposten der Berliner Gastronomie. Wenn Restaurants ihre Käseauswahl verändern oder ein Käsegang seltener bestellt wird, bekommt der Lieferant Veränderungen mit, bevor der normale Gast sie überhaupt bemerkt. Für Besucher ist das alles zunächst zweitrangig. Die sollten vor allem Zeit und Appetit mitbringen und sich beraten lassen. Solche spezialisierten Lebensmittelgeschäfte sind ein Luxus, den sich eine Großstadt bewahren sollte.
Wald Königsberger Marzipan: Ein Stück Königsberg in Charlottenburg
Direkt nebenan wartet eine kleine Berliner Zeitreise. Konditormeister Paul Wald wurde 1905 in Königsberg geboren und kam 1939 nach Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau Irmgard begründete er das Familienunternehmen, das seit 1947 in der Pestalozzistraße zu Hause ist. Heute führt sein Enkel Ralf Bentlin die Tradition fort. Das Königsberger Marzipan wird weiterhin von Hand hergestellt. Charakteristisch ist das Abflämmen, durch das die Oberfläche ihre typischen gebräunten Stellen und das Marzipan seinen besonderen Charakter erhält. Die eigentliche Familienrezeptur bleibt geheim. Fast ebenso sehenswert wie das Marzipan ist der Laden selbst. Wald gehört zu jenen Berliner Geschäften, bei denen man froh sein kann, daß nicht irgendwann jemand auf die Idee gekommen ist, aus ihnen ein durchgestyltes „Concept Store“-Erlebnis zu machen. Und so wird aus Blomeyer und Wald ganz nebenbei eine wunderbare kleine Genießertour durch die Pestalozzistraße: erst Käse, dann Marzipan.
Bar Levain: Die neue Lust am unkomplizierten Restaurant
Die Bar Levain in Schöneberg verfolgt einen anderen Ansatz. Sie will Weinbar, Restaurant und moderner Gastropub sein, ohne ihren Gästen vorzuschreiben, wie ein Abend auszusehen hat. Nur 22 Plätze gibt es. Die Küche von Maximilian Hühnergarth ist französisch geprägt, darf sich aber frei bewegen. Ein festes Menü gibt es nicht. Stattdessen kommt eine kleine, saisonal wechselnde Karte auf den Tisch. Teller können geteilt werden, müssen es aber nicht. Wer nur auf ein Glas und einen Snack vorbeikommt, ist genauso richtig wie Gäste, die daraus einen ganzen Abend machen. Bemerkenswert ist der persönliche Hintergrund des kleinen Betriebs. Ein Teil der Fleisch-und Wurstwaren kommt aus dem familiären Umfeld von Maximilian Hühnergarth in Thüringen; sein Bruder ist Fleischermeister. Statt daraus eine große Regionalitätsgeschichte zu konstruieren, betrachtet man gute Produkte hier eher als Selbstverständlichkeit. Auch Fine Dining ist nicht das Ziel. Qualität ja, gastronomisches Zeremoniell nein. Genau darin liegt der Reiz: Levain ist ein Restaurant für Menschen, die sehr gut essen und trinken wollen, ohne deshalb automatisch einen durchchoreographierten Abend buchen zu müssen. Eine der interessantesten neueren Adressen in Schöneberg.
Der Weinlobbyist: Mehr als 600 gute Gründe für ein Glas Wein
Aus einer Weinbar kann ein Restaurant werden, ohne daß der Wein dabei zur Nebensache wird. Der Weinlobbyist in Schöneberg ist dafür ein gutes Beispiel. Serhat Aktas begann 2020 mit einem deutlich stärker auf Wein und kleine Begleiter ausgerichteten Konzept. Flammkuchen, Käse, Schinken, ein gutes Glas – fertig. Mit den Jahren wurde die Küche immer wichtiger. Heute versteht sich der Weinlobbyist als Restaurant und Weinbar. Mehr als 600 Positionen umfaßt nach Angaben des Hauses die Weinauswahl, mit deutlichem Schwerpunkt auf Deutschland und Österreich. Kulinarisch nennt Aktas das Ergebnis Casual Dining. Dahinter steckt durchaus Anspruch, aber kein Wunsch nach Pinzettenküche und Michelin-Stern.
Die Basis ist deutsch-französisch beziehungsweise europäisch, darf aber nach Asien schauen. Ein gutes Beispiel ist der Duroc-Schweinebauch mit schwarzer Knoblauchmayonnaise, Rettichkimchi und süß eingelegtem Rettich. Das Entscheidende ist die Wahlfreiheit. Nur ein Glas Wein? Geht. Flammkuchen oder Käse dazu? Ebenfalls. Ein vollständiger Restaurantabend? Natürlich. Levain und Weinlobbyist sind nur eine U-Bahnstation voneinander entfernt und zeigen auf unterschiedliche Weise eine Richtung, die momentan ausgesprochen zeitgemäß erscheint: gastronomischer Anspruch ohne Fine-Dining-Zwang. Gute Produkte und interessante Weine bleiben, die Schwelle wird niedriger.
Friedrichstadt-Palast: Berlin kann auch große Bühne
Zwischen all dem Essen braucht es einen Abend, an dem andere Sinne beschäftigt werden. Und dafür darf Berlin ruhig einmal groß, laut und spektakulär sein. Der Friedrichstadt-Palast gehört zu den Institutionen der Hauptstadt. Die riesige Bühne, das Ensemble, die Kostüme und die berühmte Kickline stehen für eine Form der Revue, die man so kaum anderswo erlebt. Das macht den Palast zu einem guten Bestandteil eines kulinarischen Berlin Wochenendes: erst essen, dann große Show – oder umgekehrt. Gerade wer Berlin regelmäßig besucht und die üblichen Sehenswürdigkeiten längst kennt, sollte den Palast nicht vorschnell als touristisches Pflichtprogramm abtun. Manchmal ist die große Inszenierung nämlich genau das, was ein Abend braucht.
Thai Street Food Market: Einmal quer durch Asien
Wer Berlin schmecken will, sollte auch am Fehrbelliner Platz aussteigen. Gleich neben dem Preußenpark findet jedes Wochenende der Thai Street Food Market statt, der längst nicht mehr nur thailändische Küche bietet. Zwischen den dicht an dicht stehenden Ständen finden sich auch vietnamesische, chinesische und japanische Spezialitäten – bis hin zu gerösteten Heuschrecken. Fast überall heißt es erst einmal anstehen, doch das hat einen guten Grund: Hier wird tatsächlich frisch gekocht. Wenn Zwiebeln, Karotten oder andere Zutaten ausgehen, wird nicht die nächste vorbereitete Gastrobox geöffnet, sondern mit einfachen Haushaltsmessern direkt am Stand weitergeschnippelt.
Mein Auftakt war ein ausgezeichnetes Som Tam, der klassische scharf-säuerliche Papayasalat, gefolgt von Satay-Spießen mit Erdnuss- und Chilisauce. Zur Pfifferlingszeit landeten die Pilze sogar in einem wunderbar aromatischen Pad Krapao Gai. Und zum Schluß ein Matcha-Mochi, das allein schon einen weiteren Besuch wert wäre. Die Preise sind erfreulich bodenständig, die Auswahl gewaltig und ringsum hört man ein halbes Dutzend Sprachen gleichzeitig. Ob Berliner oder Besucher, läßt sich dabei oft gar nicht sagen – und genau das ist vielleicht das Schönste daran. Eine junge Frau erzählte mir, sie sei eigens aus Leipzig angereist, bewaffnet mit mehreren Tupperdosen, um sich hier einzudecken. Ich kann sie verstehen: Wohnte ich in Berlin, würde man mich vermutlich jedes Wochenende hier finden.
Qnorke: Warum für gutes Essen nicht in Mitte bleiben?
Am Ende führt die Entdeckungstour weit in den Westen. Das Qnorke liegt am Maselakepark in Spandau – in einem denkmalgeschützten ehemaligen Offizierskasino. Hohe Decken und Kronleuchter treffen hier auf ein modernes Restaurant- und Hotelkonzept. Rund 20 Hotelzimmer befinden sich ebenfalls im Gebäude. Restaurant, Hotel und Veranstaltungen werden nicht als getrennte Welten verstanden, sondern als Teile eines Hauses. Genau das macht Qnorke für Berlin-Besucher interessant. Wer hier übernachtet, muß nach dem Essen nicht mehr quer durch die Stadt; wer nur zum Restaurant kommt, entdeckt einen Teil Berlins, der auf kulinarischen Kurzreisen häufig übersehen wird. Auch Qnorke paßt damit in die neue Generation von Restaurants, die nicht versucht, klassisches Fine Dining nachzubauen. Ein eigener Ort, ein klares Konzept und mehrere Gründe, überhaupt dorthin zu fahren, sind möglicherweise die bessere Strategie. Und Spandau? Ist ohnehin näher, als viele Berliner glauben.