Colorful Carte Blanche mit Überraschungen im Pottkind, Köln
Colorful Carte Blanche mit Überraschungen im Pottkind, Köln
Restaurants mit Städtenamen oder Ortsbezeichnungen sind keine Seltenheit. Mal verweisen sie auf die Herkunft ihrer Küche, mal auf Städte, Orte und Regionen, die für kulinarische Exzellenz stehen. Le Parisien, Little London oder Alpenblick sind nur ein paar wenige Beispiele.
Der Name und das Wortspiel rund um das Restaurant Pottkind mögen in Köln dagegen zunächst überraschen. Schließlich genießt das Ruhrgebiet über seine Grenzen hinaus nicht dieselbe kulinarische Strahlkraft wie Paris, London oder Tokio. Dabei wissen Kenner längst, dass zwischen Duisburg, Essen und Dortmund weit mehr als Currywurst zu Hause ist. In den vergangenen Jahren hat sich dort eine spannende und vielseitige Gastronomieszene entwickelt, die zahlreiche ausgezeichnete Restaurants hervorgebracht hat.
Dass Enrico Sablotny und Lukas Winkelmann ihr Restaurant dennoch Pottkind genannt haben, erscheint deshalb ebenso ungewöhnlich wie konsequent. Beide Gründer stammen aus dem Ruhrgebiet. Der Name ist eine Hommage an ihre Wurzeln und passt zu einem Restaurant, das eine angenehm unkomplizierte Atmosphäre mit handwerklichem Anspruch verbindet. Mit Ruhrgebietscharme, bodenständiger Haltung und kreativen Ideen auf dem Teller bereichert das Pottkind seit 2018 die Kölner Südstadt.
Doch der Name ist längst nicht die einzige Überraschung und kreative Kombination des Restaurants. Im Pottkind gibt es ausschließlich ein Carte-Blanche-Menü. Die Gäste wissen zwar, wie viele Gänge sie erwarten, nicht aber, was auf den Tellern landet. Stattdessen dürfen sie sich Gang für Gang von den kreativen Ideen der Küche überraschen lassen. Ein Konzept, das Neugier weckt und immer wieder Raum für unerwartete und neue Geschmackserlebnisse schafft.
Interior, Bar und Kunst
Schon beim Betreten des Restaurants wird klar, dass hier bewusst auf eine lockere Atmosphäre gesetzt wird. Blaue Kacheln treffen auf warme Holzelemente, die offene Küche bildet das Zentrum des Restaurants. Wer an der Bar Platz nimmt, kann die Abläufe in der Küche beobachten ,..
... während etwas weiter entfernt ruhigere Tische für zwei oder größere Gruppen warten. Dazu läuft Musik aus den Lautsprechern. Passenderweise läuft an diesem Abend zuerst Herbert Grönemeyers „Currywurst“ und später Bilderbuch’s Bungalow und ähnlich relaxte Lieder über die Boxen. Das wirkt angenehm locker und passt zur entspannten Stimmung des Restaurants.
Farbenfroh ist auch die Kunst und die von Anna Kalinitschenko gestaltete Menu-Karte, die derzeit in einer Ausstellung im Restaurant zu sehen ist.
Erste Überraschungsgrüße: Herzhafter Karottenkuchen und Kohlrabi-Fächer
Bereits die Grüße aus der Küche zeigen, wie spielerisch das Team mit bekannten Produkten umgeht. Besonders in Erinnerung bleibt ein herzhafter Karottenkuchen. Als erster Eyecatcher überzeugt er nicht nur optisch. Geraspelte Urkarotte und Sichuan-Pfeffer on Top sorgen für einen ungewöhnlichen und ziemlich spektakulären Auftakt. Konsistenz, Geschmack und Schärfe (von geraspelter Urkarotte und Sichuan-Pfeffer) erinnern ein wenig an Ingwer mit einem besonderen Touch.
Auch der anschließend servierte Kohlrabi setzt auf Kontraste.
Frisch gehobelt, fein aufgefächert und mit Nori-Algen-Pulver verfeinert, versteckt sich in der Mitte Koshihikari-Reis unter einer üppigen Eischaum-Sauce. Eine schöne Balance zwischen Leichtigkeit und Fülle.
Danach folgt schon eins meiner persönlichen Highlights:
Creme von gerösteten Sonnenblumenkernen
Zu den stärksten Gängen des Abends zählt für mich die Creme von gerösteten Sonnenblumenkernen mit in Safran gegarter Gelber Bete und Tonburi, dem sogenannten „Kaviar des Feldes“.
Erdige, cremige und leicht fruchtige Aromen greifen hier ineinander. Besonders bemerkenswert ist das Mundgefühl. Die Sonnenblumencreme entwickelt eine erstaunliche Cremigkeit, während die Tonburi-Körner für einen schönen Kontrast bei der Textur sorgen. Safran setzt mit Fichtenöl feine Akzente und verleiht dem Gericht zusätzliche Tiefe. Dazu ist dieses Gericht rein pflanzlich.
Hummersüppchen zum Brot
Als Vorgeschmack auf den folgenden Gang wird ein Hummersüppchen zum Brot serviert. Neben der französischen Zubereitungsweise mit viel Butter fällt mir besonders positiv die fruchtige Limetten-Nuance auf.
Gedämpfter Hummer
Schonend gegarter atlantischer Hummer mit einer Krustentier-Hollondaise entfalten den feinen Geschmack des Krustentiers mit einer kräftigen Sauce.
Eine besondere Stärke entwickelt das Gericht zusätzlich im Zusammenspiel aller Komponenten. Unten drunter erweitert ein kleiner Salat aus Staudensellerie mit grünen Erdbeeren und besonders die fermentierte “Erdbeer-Boshi” (ähnlich einer Umeboshi) das Geschmackserlebnis.
Salzig, leicht säuerlich und deutlich intensiver als die übrigen Bestandteile bringt es Dynamik auf den Teller. Filigrane Blüten ergänzen das hübsche Gesamtbild und zeigen einmal mehr die Detailverliebtheit der Köche.
Kalbsbries mit Erbsen in Melisseöl und geeistem Yuzu
Zu den Highlights des Menüs gehört für mich an diesem Abend auch das Kalbsbries – das neben einer Geschmacksexplosion auch für spannende Temperaturkontraste sorgt. Es wird serviert mit einem Püree aus La Ratte Kartoffeln mit viel Butter.
Erbsen in Melissen-Öl mit weißem Spargel als Velouté geschäumt sowie fermentiert und mit Yuzu abgeschmeckt verbinden unterschiedliche fruchtige und süß-saure Aromen. Sie treffen auf unterschiedliche Texturen und kühlende Elemente. Die Säure ist präsent, wirkt jedoch nie zu dominant. Stattdessen entsteht ein ausgewogenes Zusammenspiel aus Frische, Frucht und Cremigkeit. Ein ungewöhnlicher Gang, der eher an Komponenten eines Fischgerichts erinnert und gerade deshalb so interessant wirkt.
Das Verrückteste (im positiven Sinn) an diesem Gericht ist der hohe Temperaturunterschied. Man kennt Sorbets in Kombination mit warmen Speisen. Hier ist es dagegen ein Crushed-Yuzu-Ice, das man eher im Cocktail als in einer Hauptspeise erwarten würde. Aber es funktioniert erstaunlich gut und ist für mich heute die größte gelungene Überraschung des Carte Blanche Menus.
Euphorisch-engagiertes Team
Mindestens ebenso positiv bleibt das Team in Erinnerung. Alle Service-Mitarbeitenden erläutern die Gerichte mit echtem Interesse und sichtbarer Begeisterung. Man spürt, dass hier niemand lediglich Zutaten herunterbetet, sondern voller Enthusiasmus die Gerichte erläutert.
Vom Ruhrpott über’s Hugenpoet ins Pottkind
Auch Sommelier Lennart Strathmann ist vor einiger Zeit vom Ruhrpott ins Pottkind gewechselt. An ihn habe ich noch sehr gute Erinnerungen aus dem Restaurant 1831 im Schloss Hugenpoet in Essen. In Köln hat er den feinen Zwirn gegen etwas legerere “Arbeitskleidung” getauscht und beeindruckt auch weiterhin mit enormem Fachwissen zur flüssigen Begleitung.
Herkunft, Ausbau, Lagerung oder Höhenlage der Weine erklärt er mit bemerkenswerter Detailtiefe und einer Begeisterung, die ansteckend wirkt. Nach acht Jahren im Schloss Hugenpoet versorgt er nun im Pottkind die Gäste mit feinsten Tropfen und größter Hingabe.
Kabeljau in Algenbutter
Der Kabeljau in Algenbutter gehört für mich zu den schönsten Tellern des Abends. Optisch beeindruckend angerichtet, blieb er geschmacklich leider etwas hinter den hohen Erwartungen zurück, die dieser Anblick geweckt hat. Viele der Aromen und Zutaten bewegen sich in einem eher milden Spektrum. Da half auch der optionale Kaviar nicht viel.
Mir persönlich fehlte hier etwas mehr Intensität und Kontrast. Das macht das Gericht keineswegs schlecht. Es zeigt erneut die kreative Handschrift der Küche. Im direkten Vergleich zu den anderen Gängen des Menüs fehlte mir hier allerdings etwas mehr Tiefe. Ich persönlich hätte den eingelegten Kelek vermutlich doch lieber noch zur intensiven Honig- oder Zuckermelone reifen lassen – und ihn dann mit diesem Gericht serviert.
Salzwiesenlamm in Lammschmalz konfiert
Der Rücken vom Salzwiesenlamm findet anschließend wieder deutlich mehr Anklang bei mir und bildet einen sehr gelungenen Abschluss des Carte Blanche Menus. Serviert wird er mit einer Creme von Bohnen und Schlangenbohnen auf dem Rücken des Fleischs.
Besonders das Ragout, versteckt unter Schaum vom Ziegenfrischkäse, überzeugt mich mit Tiefe und Intensität.
Gelierte Kamille hatte ich in der Form so auch noch nie. Und auch wenn sie sehr süß war, habe ich damit große Freude gehabt.
Creme aus sizilianischer Pistazie
Das große Finale gehört dem Dessert. Für mich ist die Creme aus sizilianischer Pistazie mit einem Sorbet aus japanischer Sakura-Kirsche mit einem kandierten Kirschblatt und Schaum aus Kirschwasser einer der stärksten Gänge des gesamten Abends. Dazu ein Sud aus Apfel-, Kirsch- und Süß-Holz mit Pistazien-Öl verfeinert.
Tiefrote Farben treffen auf intensive Fruchtigkeit, cremige Texturen sowie erdige und nussige Aromen. Das Dessert besitzt Kraft, Tiefe und Präzision. Während einige der vorherigen Gänge bewusst zurückhaltend agieren, zeigt dieser Abschluss noch einmal eindrucksvoll, wie viel Intensität in den Kreationen des Pottkind steckt. Ein Dessert, das lange nachhallt und einen hervorragenden Schlusspunkt setzt.
Petit Fours
Auch wenn das Dessert den Höhepunkt des süßen Finales bereits gesetzt hat, freue ich mich über die drei kleinen Süßigkeiten zum Abschluss. Meine Favoriten hier waren der Espresso-Fudge mit Roter Bete und der Milchreis, der mit Koji-Pilz fermentiert wurde. In einer süßen Variante mit Vanille und Quitten-Boshi.
Fazit
Nach mehreren Stunden voller ungewöhnlicher Kombinationen, überraschender Texturen und farbenfroher Teller bleibt vor allem eines hängen: Das Pottkind verbindet die Bodenständigkeit des Ruhrpotts mit einer überraschenden Küche, die immer wieder neue Wege geht. Es eröffnet die Möglichkeit, neue Zutaten, Texturen und Kombinationen kennenzulernen, die man selbst vermutlich nie bestellt hätte. Und bis auf eines dieser kulinarischen Experimente, gingen für mich an diesem Abend alle sehr gut auf und bleiben in bester Erinnerung.
Hinzu kommen ein sympathisches Team, ein hervorragender Sommelier und eine lockere, angenehme Atmosphäre, die bewusst auf unnötigen Fine-Dining-Pomp verzichtet. In dem Bistro-ähnlichen Restaurant und an warmen Sommerabenden unter der Markise, kann man sich in der Kölner Südstadt tatsächlich für einen Moment ein wenig wie in Paris fühlen. Und das, in einem Restaurant, das seinen Ursprung und Namen im Ruhrpott hat.
Köche, Speisen, Team und Kunst machen im Pottkind aus einer weißen Karte ein vielseitiges, farbenfrohes und sehr gelungenes Geschmackserlebnis.
Text und Fotos © Nils Hohnwald
DÜSCOVER DÜSSELDORF:
Instagram: @duescover_duesseldorf“
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