Café Winkelgasse: Benedikt Fausts zauberhaftes Münchner Kapitel.
Café Winkelgasse: Benedikt Fausts zauberhaftes Münchner Kapitel.
Schwebende Tische, eine Wand aus aufgeschlagenen Büchern und englische Pies auf geblümtem Porzellan: In der Münchner Maxvorstadt haben Sarah Hillebrand und Sternekoch Benedikt Faust ein ungewöhnliches Café geschaffen. Die Winkelgasse verbindet britische Gemütlichkeit mit einer gehörigen Portion Fantasie.
Die Teetassen hängen an der Decke. Gleich daneben schweben Teller und Besteck vor dunkelgrünem Hintergrund. An einer Wand stehen Bücher unordentlich im Regal, sie entfalten ihre aufgeschlagenen Seiten zu einer ganzen Landschaft aus Papier. Gegenüber leuchtet ein goldfarbenes Sofa vor kräftigem Violett. Dazu alte Holzstühle, gemusterte Teppiche und Lampenschirme, die offenbar keinerlei Interesse daran haben, einander zu gleichen.
Wer die Winkelgasse betritt, nimmt sich erst einmal Zeit zu schauen. Und entdeckt dabei etwas, das in der Gastronomie selten geworden ist: einen Raum, in dem zwei Menschen ihre ziemlich eigensinnigen Ideen tatsächlich umgesetzt haben.
Ein Sternekoch mit Lust auf etwas Neues
Benedikt Faust bringt dafür reichlich gastronomische Erfahrung mit. Im L’Étable in Bad Hersfeld, im Hotel Hanseatic auf Rügen und im KUNO 1408 in Würzburg erkochte er jeweils einen Michelin Stern. Fernsehzuschauer kennen ihn aus ProSiebens „Galileo“. Nun beschäftigt ihn gemeinsam mit seiner Partnerin Sarah Hillebrand ein Café, in dem englische Pasteten, Frühstück und fantasievolle Getränke die Hauptrollen spielen.
Benedikt Faust begeistert sich schon immer besonders für das Entwickeln: etwas Neues schaffen, Ideen ausprobieren, ein ganzes Erlebnis gestalten. In der Winkelgasse reicht diese Arbeit entsprechend weit über die Küche hinaus.
Sarah Hillebrand kommt aus den Kunst- und Kulturwissenschaften. Mit ihrem ersten Lokal, dem togather im Münchner Westend, bringt sie Menschen zusammen und setzt der Anonymität der Großstadt etwas entgegen. Für die Winkelgasse hatten beide dann Lust auf ein anderes Konzept: britisch inspiriert, gemütlich und offen für all jene verrückten Einfälle, die andernorts keinen Platz gefunden hatten.
Als wäre man in der Winkelgasse
Der Name erklärt die Idee ziemlich gut. Sarah und Ben stellten sich ein Café vor, das auch in der Winkelgasse aus den Harry-Potter-Geschichten stehen könnte. Einen Ort, an dem schwebende Tische und Kerzen ganz selbstverständlich wären.
Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied zum Harry-Potter-Café. Die literarische Zauberwelt liefert die Inspiration für eine eigene Atmosphäre. Wer hier sitzt, soll sich für eine Weile aus dem Münchner Alltag herausnehmen lassen.
Vieles haben die beiden mit ihrem Team selbst gestaltet. Möbel und Geschirr wurden zusammengetragen, alte Stücke bekommen ein zweites Leben. Dass dabei kaum etwas zusammenpasst, passt hier ausgesprochen gut. Selbst die schwebenden Tische haben eine Vorgeschichte: Die Idee gefiel den beiden auf einer Reise so sehr, dass sie zunächst zu Hause damit experimentierten.
Die Winkelgasse wirkt deshalb persönlich. Man sieht ihr die Freude am Sammeln, Bauen und Ausprobieren an.
Englische Pies und Frühstück ohne Eile
Die Küche führt diesen Gedanken weiter. Herzstück der Karte sind die selbst gemachten English Pies. Zur Wahl stehen unter anderem Beef Chili Cheese mit Rinderhackfleisch und Cheddar, Pulled Pork in rauchiger BBQ-Sauce sowie eine vegetarische Variante mit Spinat und Ricotta.
Auf dem Teller sitzt die goldbraune Pastete neben Kartoffelpüree; die Sauce kommt separat im kleinen Porzellankännchen. Das ist eine schöne, beinahe häusliche Art des Servierens, die hervorragend in diesen Raum passt.
Daneben gibt es ein Full English Breakfast mit Bohnen, Eiern, Pilzen, Tomaten, Würstchen und Bacon, auch in einer vegetarischen Version. Eggs Benedict bekommen Trüffel-Hollandaise und Blattspinat. Fish & Chips, überbackene Brote und ein üppig geschichtetes Club-Sandwich erweitern das Angebot.
Benedikt Faust erzählt mir im Gespräch, wie er die Karte nach den ersten Erfahrungen verändert hat. Familien mit Kindern erwiesen sich als wichtige Gäste. Also passte er Auswahl, Portionsgrößen und Preise an. Hinter der verspielten Fassade arbeitet ein Gastronom, der genau hinschaut, was seine Gäste bestellen und was im kleinen Betrieb funktioniert.
Eine Wolke über der Tasse
Bei den Getränken darf es dann wieder ausgesprochen fantasievoll werden. Glitzernder Prosecco gehört ebenso dazu wie ein hausgemachtes, alkoholfreies Getränk mit Butter-, Karamell-, Malz-und Vanillenoten, das auf der Karte augenzwinkernd „Margarine Bier“ heißt.
Besonders anschaulich wird die Idee beim „Rainy Day Cloud Coffee“, den es auch mit Tee gibt. Über dem heißen Getränk hängt eine Wolke aus Zuckerwatte. Der aufsteigende Dampf lässt sie langsam schmelzen und das Getränk süßen. Ein kleines Schauspiel am Tisch, für das man sich gern ein paar Minuten Zeit nimmt.
Genau diese Lust am Staunen verbindet die verschiedenen Seiten der Winkelgasse. Ben Faust bringt seine Erfahrung und seinen Ideenreichtum ein, Sarah Hillebrand ihre Freude an Menschen und ungewöhnlichen Räumen. Gemeinsam haben sie einen Ort geschaffen, an dem man frühstücken, einen Pie essen und sich gründlich umschauen kann.
Und beim nächsten Besuch entdecken wir vermutlich wieder etwas, das uns beim ersten Mal entgangen ist.